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Wie unser Programm so auch dieser Artikel. Er springt vom historischen Afrika zum Zeitgenössischen und wieder zurück. Der Fachartikel von Dorina Hecht über Bronzen aus Benin wurde in der englischen Übersetzung in zehn Monaten schon mehr als zwölfhundert Mal (in Zahlen: 1200!!) und die deutsche Seite knapp 600 Mal besucht. Für einen Fachartikel eine enorme Menge an der man das Interesse am Thema überhaupt einmal erfassen kann und für die Galerie als Initiator natürlich sehr erfreulich. Seit Erscheinen meiner zwei Kolumnen und des Artikels von Dorina Hecht über die Kultur Benins haben sich wieder neue Aspekte ergeben, auf die ich im Folgenden etwas näher eingehen möchte. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass eine Auseinandersetzung mit dieser Kultur für mich und einige Mitstreiter hohen exemplarischen Wert hat. Über Fachdetails hinaus fordern wir, mit Benin als Beispiel, eine neue Herangehensweise an alte Kunst aus Afrika. Dies beinhaltet rechtliche Aspekte, tangiert Rückforderungsansprüche, rückt Museumsbestände in ein neues Licht und verneint postkoloniale Siegerhistorik.
Die Logik nachzuvollziehen ist durchaus auch für Freunde der zeitgenössischen Kunst einmal interessant. Ein paar Absätze fordere ich zwar erheblich Ihre Konzentration und setze kleine Grundkenntnisse voraus, aber es lohnt sich. Wenn meine Hypothese unter zuhilfenahme gerundeter Zahlen einigermaßen stimmt, krempelt es hinter den Kulissen einiges um. Als los:
Ausgehend von einem Mengenvergleich schlecht gearbeiteter Stücke bei den Bild-Tafeln von Luschan aus seinem Standardwerk von 1919, die zu einem großen Teil aus dem Kontingent des Plünderungsfeldzuges der Briten von 1897 stammen, tauchte eine rechnerische Fragestellung auf: Wenn das damalige Raubkontingent von Bronzen 1500 Stücke umfasste, davon 600 nach Berlin gelangten, weitere 600 in London, verblieben mathematisch nur etwa 300 für andere Museen. Diese Rechnung kann nicht stimmen. Die an der Wien/Paris/Berlin-Ausstellung beteiligten Museen verfügen über eine weit größere Anzahl. Ich ging bei meinen weiteren Überlegungen davon aus, dass Dark und Plankensteiner von einer Anzahl von 4000 Bronzen ausgehen, die sie als "echt" akzeptieren und dass dies ein zählbarer Museumsbestand ist. Doch wann und wo wurden dann die restlichen 2500 gekauft?
Wenn man zugrunde legt, dass bei den gefundenen Objekten des Plünderungsfeldzuges ein Areal auf dem Palastgelände abgeräumt wurde, auf dem eine große Anzahl Bronzen lag, die beim Verlassen der Stadt von den Einwohnern zurückgelassener wurden, reduziert sich die Anzahl guter Objekte stark. Viele der bei Luschan abgebildeten Bronzen weisen grobe Beschädigungen auf und sind handwerklich sehr schlecht gearbeitet. Natürlich hat man bei der Flucht vor der absehbaren Plünderung der Stadt die am besten gearbeiteten Stücke mitgenommen, da sie den Familienschatz bildeten. Große schwere Stücke wie ausladende Elfenbeinzähne und überdimensionale Bronzeskulpturen hatte man in einem mit Unrat getarnten Lager unter eine Schicht mit minderwertigen und beschädigten Stücken gelegt.
Die Briten berichteten, dass die gefundenen Objekte achtlos unter Schutt und Dreck lagen und behaupteten gegenüber der europäischen Öffentlichkeit, dass man in einer niedergehenden Kultur schon gar keine Achtsamkeit mehr für das eigene Kulturgut hatte. Es wurde dergestalt geschildert, dass diese Barbarei einen von Dekadenz und Menschenopfern geprägten Niedergang belegte. So konnte nicht nur das Argument greifen, dass man den militärischen Einsatz mit Beschlagnahmungen finanzieren müsse, sondern konnte als eine weitere Legitimation für Diebstahl im Zeichen der britischen Krone einen Kulturerhalt simulieren.
Ich führe dies aus, um die Zahl von 1500 Objekten zu relativieren, die von einigen musealen Kennern als einzig echte akzeptiert werden. Gute, darunter viele große Stücke, lagen versteckt unter Schlechten. Vor diesem Hintergrund wäre nun interessant zu wissen, wie viele der dreihundert gezeigten Bronzeobjekte in der Wien/Paris/Berlin-Ausstellung aus dem Plünderungskontingent stammen. Ich erinnere, 2500 wurden nach 1900 von den Museen angekauft. Diese Objekte müssen also aus dem freien Handel stammen. Da diese vermutlich im Gesamten eine bessere Qualität haben, stammen in der Wien/Paris/Berlin-Ausstellung ergo eine Anzahl x aus dem freien Handel. Ich habe nichts davon wahrgenommen, dass es eine kuratorische Maxime gibt, dass nur nachweisbare Beutestücke ausgestellt wurden.
Es wurde also gar nicht ernsthaft ein Authentizitätsanspruch geltend gemacht, der ausschliesslich auf der Theorie basierte, diese 1500 Objekte seien Beweis für Echtheit, weil sie "kontrolliert" nach Europa verbracht wurden. Dass 2500 Objekte nicht aus dem gestohlenen Konvolut stammen, tangiert im übrigen eine Rückforderungsdiskussion. Die beschränkt sich nämlich seitens der Nigerianer ausschließlich auf ihrer Meinung nach gestohlenes Gut. Also 1500. Nicht auf gekauftes. Die weiteren 2500.
Der eigentliche Kern, den ich einkreisen möchte, ist folgender: Wenn diese 2500 Bronzeobjekte nach der Veräusserung der Expeditionsbeute gekauft wurden, also in den Jahren nach 1900, waren sie aus exakt den gleichen Quellen auf denselben Handelswegen nach Europa gelangt, wie diejenigen unserer Ausstellung und andere Stücke, die sich in privaten Sammlungen und im Handel befinden. Als sehr grobe Schätzung nehme ich in Deutschland, einem Handelszentrum für Bronzen aus Benin, etwa 500-1000 hochwertige Objekte und eine unzählbare Menge kleinerer und fragmentarischer Objekte an. Fotografien von fliegenden nigerianischen Händlern mit Benin-Bronzen im Angebot gab es ab 1900.
Diese Einschätzung dürfte ich mit einer grossen Anzahl Kenner teilen. Bei der Untersuchung von 112 Objekten über 25 Jahre bis 2004 bei Sotheby's und Christie's stellte Herr Günter Kawik fest, dass im Text gerade mal zwei Objekte auf den Plünderungsfeldzug Bezug nahmen. Alle anderen kamen offensichtlich aus dem freien Handel und wurden ohne Angaben von Expertisen selbstverständlich als alt beschrieben.
Dieser Umstand ist wiederum von großer Bedeutung für den Handel. Es stellt sich die Frage, mit welcher Berechtigung die großen Auktionshäuser Sammler und mittelständische Händler vor die Türe setzen und ihnen mit einem symbolischen Tritt die Botschaft verpassen, ihre Objekte seien Fälschungen. Es wäre statthaft, wenn sie argumentieren würden, sie wollten nicht so viele Objekte oder nur mit wichtiger Sammlungsprovenienz und hätten deshalb kein Interesse. Es ist aber schäbig vor den Sammlern, dem Handel und der Kunstgeschichte gleichermaßen, aus egoistischer Preispolitik, wider besseren Wissens, andere mit dem Begriff Fälschung abzustempeln und damit einen weiteren Verkauf der somit verbrannten Objekte praktisch unmöglich zu machen.
Bei diesem Artikel ist vorrangig der kunsthistorische Aspekt von Bedeutung, der über Studium des Handels eine Schritt vorwärts kommen kann. Die Recherche der Einkaufsquellen von jenen vage angenommenen 2500 Bronzeobjekten sind in Archiven vermerkt. Die Ethnologen können an diesem Punkt als erster Ansatz hilfreich sein. interessant zu wissen wäre, ob meine angenommenen 500-1000 Objekte in privatem Besitz eventuell in dem Konvolut der von Dark und Plankensteiner genannten 4000 schon enthalten sind. Im nächsten Schritt sollten die Erfahrungen des Handels avisiert werden. Die wertvollsten Hinweise für unsere Recherchen kamen von Sammlern und Händlern. Nicht von WissenschaftlerInnen.
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