| |
Demnach sandte der Gott Osanobua seine Söhne aus, um auf der Erde zu leben. Sie sollten sich alle etwas nützliches mit auf die Reise nehmen. Während die älteren Söhne Eigenschaften wie Magie oder Reichtum wählten, nahm der Jüngste auf Anraten eines Vogel eine Schneckenschale mit. Als die Söhne auf die Erde kamen, stellten sie fest, dass die im Himmel nützlichen Eigenschaften Magie und Reichtum auf der Erde unbrauchbar waren, weil die ganze Erde überflutet und somit unbewohnbar war. Dem Jüngsten befahl der Vogel die Schneckenschale umzudrehen und heraus strömte eine endlose Sandmenge, die ihn Herr über ein riesiges Stück Land werden ließ. So wurde der jüngste Sohn Herrscher über die Welt. Möglicherweise stellt das Objekt den stolz auf seiner nützlichen Schnecke sitzenden oder herrscherlich reitenden jüngsten Sohn Osanobuas dar, der danach zum Gründer des Königreichs Benin wurde.
Der Beniner und Benin-Chronist Egharevba hat mit dem Aufschreiben alter Mythen und Legenden - viele davon von seiner Großmutter erzählt - zweifellos einen beispiellosen Beitrag zur Erinnerungskultur des früheren westafrikanischen Königreichs Benin geleistet. Problematisch ist für viele Deutungen, dass seine historischen Aufzeichnung als „Fakten“ oft unreflektiert wiedergegeben werden. Schließlich kann seine Sicht auf die Ereignisse von einem Kulturfremden schlecht widerlegt werden. Dass auch die Daten eines Chronisten aus Benin hinterfragt werden müssen, zeigt ein Beispiel in der Ausstellung.
Der weit überlebensgroße Kopf mit flügelartigem Kopfschmuck stellt allein wegen seiner Funktion eine Besonderheit dar. Während die meisten anderen Bronzen zu repräsentativen Zwecken entstanden sind, wurde dieser wie auch die weiblichen Pendants mit spitzer Korallenhaube für Opferrituale benutzt. Schätzungen über das Alter dieser Köpfe beziehen sich in sämtlicher Literatur mit unkritischer Wiederholung fast ausschließlich auf Egharevbas Ausführungen. Demnach wäre die Darstellung von Herrschern der Benin-Kultur mit flügelartigem Kopfschmuck erst von Oba Osemwede (1816-46) eingeführt worden und deshalb höchstens 190 Jahre alt. In der Ausstellung ist ein ebensolcher Kopf mit Flügel per TL-Expertise auf 450 Jahre geschätzt worden. Außerdem werden in der Literatur stilistisch verwandte Köpfe ohne Flügel - die aus gleichen Werkstatt zu stammen scheinen – sehr häufig auf mehr als 250 Jahre datiert. Wie passt das zusammen? Wenn alle diese Einwände wissenschaftlich geprüft würden, müssten auch Egharevbas Behauptung teilweise korrigiert werden.
Vieles über die Bronzen liegt im Dunklen, wenig ist geklärt. Oftmals können weder konkrete Angaben über das Alter, noch über den Kontext gemacht werden, in dem das Objekt entstanden ist – von der Zuordnung zu Gießwerkstätten oder gar einzelnen Personen/ Künstlern ganz zu schweigen. Eine Anerkennung der großen Anzahl von Objekten, die außer den anerkannten auf dem Markt kursieren, wie die Bronzen der Ausstellung, würden allein stilkritisch bisher ungeahnte Chancen mit aufschlussreichen Vergleichsmöglichkeiten bieten. Auch wenn durch einen direkten Vergleich nicht immer 100prozentige Fakten gewonnen werden, so kann wie am Beispiel der Hockenden oder an der Ibo-Frisur gezeigt, immer mehr eingegrenzt, viel Unlogisches ausgeschlossen und neue Erkenntnisse gewonnen werden. |